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Pustertaler Zeitung 14.9.2007

Gais macht sich auf den Weg


Mehrere Jahre lang wurde er geplant, am 21. September wird er eröffnet – der „Kultur-Weg-Gais“. Er soll die Erinnerung an den Minnesänger Oswald von Wolkenstein, die Künstlerfamilie Bacher, den US-amerikanischen Dichter Ezra Pound und dessen Tochter Mary de Rachewiltz wach halten.

Der „Kultur-Weg-Gais“ ist eine Art Stationenweg mit Motiven aus dem Leben der oben genannten Künstler. Er verläuft vom Samerhof auf der orographisch rechten Ahrseite über das „Kunstmuseum Bacher“ hinauf zum Schloss Neuhaus und über den Steig wieder herunter ins Dorf. Oder umgekehrt. Der Weg wird von mehreren Texttafeln und -stelen gesäumt, die auf die genannten Künstler verweisen. Zudem gibt es einige Ruheplätze und einen Aussichtspavillon.
Die Idee für den „Kultur-Weg-Gais“ hatte eine Arbeitsgruppe, bestehend aus dem Heimatpfleger Albert Willeit, dem Schulinspektor Josef Duregger und dem Religionslehrer und Rhetoriktrainer Alfred Mair; tatkräftig unterstützt wurden sie unter anderem von Bürgermeisterin Romana Stifter und dem Tourismusverein Gais. Wenn es nach den Initiatoren geht, soll der Weg zum Meditieren und Verweilen einladen – aber nicht nur: Ideal wäre es, wenn sich alle interessierten Bürgerinnen und Bürger durch den Weg inspirieren ließen und sich mit den Werken der bekannten Literaten und Künstler auseinanderzusetzen würden. Zudem präsentiert sich der Weg für den aufmerksamen Beobachter gleichzeitig wie ein „Naturschauspiel von ungeahnter Schönheit. Er ist eine Bereicherung für die Seele; er stellt ein stilles Glück in einer zunehmend lauten Welt dar, gibt er doch auf einer Gesamtlänge von 1,5 Kilometern an mehreren Stellen den Blick frei auf den einmaligen Schuttkegel von Gais, auf das Dorf selbst mit der romanischen Kirche und auf den gegenüberliegenden Hügel, auf dem die mächtige Kehlburg steht“, wie es in einem Konzeptpapier heißt.

Bezug zu Gais
Was haben der Minnesänger Oswald von Wolkenstein, der US-amerikanische Dichter Ezra Pound, die Künstlerfamilie Bacher und Pounds Tochter Mary de Rachewiltz mit Gais zu tun? Ganz einfach: Sie haben alle im Laufe ihres Lebens kürzere oder längere Zeit in Gais verbracht: „Oswald von Wolkenstein war um 1425 Pfleger auf Burg Neuhaus. Ezra Pounds Tochter Mary de Rachewiltz ist am Samerhof in Gais aufgewachsen, und Pound hat die Eindrücke seiner Tochter vom bäuerlichen Leben in seinen Pisaner ,Cantos‘ verarbeitet. Die Künstlerfamilie Bacher lebte im barocken Pflegerhaus unterhalb von Burg Neuhaus und hatte enge Beziehungen zu Pound.“
Um den „Kultur-Weg-Gais“ angemessen zu gestalten, hat der Arbeitskreis vor zwei Jahren einen Wettbewerb ausgeschrieben und 13 Künstler dazu eingeladen. Diese sollten Kunstobjekte gestalten, die auf die Dichter und Künstler hinweisen. Zugleich waren Vorschläge für ein Leitsystem entlang des Rundwegs gefragt. Den ersten Preis sprach die Jury der Künstlerin Annemarie Laner zu. Den zweiten Preis erhielt Julia Bornefeld, den dritten Will-ma Kammerer. Anerkennungspreise bekamen Paul Feichter, Lois Steger und Andreas Zingerle. Für den „Kultur-Weg-Gais“ wurden in der Folge nicht nur das Siegerprojekt, sondern auch die Vorschläge von Bornefeld und Kammerer umgesetzt.

Wessen Welt?
Annemarie Laner hat die Aussichtsplattform in der Nähe von Schloss Neuhaus mit Zitaten von Ezra Pound gestaltet; zudem findet sich dort eine Minibibliothek in Form einer Metallbox, die Bücher von und über die vier ausgewählten Künstler enthält. Zum Projekt Laners gehören auch drei Metallbänder, die beim Samerhof aufgestellt sind und auf den Zusammenhang zwischen Gehen und „produzierendem Denken“ verweisen sollen – und zwar anhand eines Zitats von Pound aus den „Cantos“: „Wessen Welt? Meine? Ihre? Oder ist sie von niemand?“
Julia Bornefeld und Ralf-Rainer Odenwald haben einen mannshohen Käfig gestaltet, der in der Bachscheide aufgestellt wird und die Gefangenschaft Ezra Pounds nach dem Zweiten Weltkrieg in Pisa versinnbildlichen soll (siehe Kasten). Eine Glasplatte im Boden des Käfigs zeigt das zerfurchte Gesicht des gealterten Dichters; ein Auszug aus den „Cantos“ zeigt die Sehnsucht nach dem verloren gegangenen Paradies. Bornefeld und Odenwald haben auch sechs Lesepulte gestaltet, die auf Oswald von Wolkenstein verweisen. In Form von Zeit-Bild-Schichtungen, unter Verwendung von Originalmotiven und Farbfeldern sowie von poetischen Originalzitaten sollen sie ein zeitgenössisches Erinnerungsbild für den „letzten großen Minnesänger“ des Mittelalters schaffen.
Will-ma Kammerer hat ein riesiges, amorphes, glatt poliertes Gehirn aus Aluminium geschaffen, das unterhalb von Schloss Neuhaus mitten im Wald installiert und neben dem optischen Reiz eine Aura des Geheimnisvollen ausstrahlen wird.
Die Kosten für den Themenweg sind mit 70.000 Euro veranschlagt. Gedeckt werden sie mit Beiträgen der Landesverwaltung, des Assessorats für Kultur, der Stiftung Südtiroler Sparkasse, der Gemeinde- und Fraktionsverwaltung Gais, der Raiffeisenkasse Tauferer Ahrntal, des Tourismusvereins Gais und mehrerer Betriebe aus Gais.

© PZ / hpl


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