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Begegnung mit Heimat

Öffentliche Bibliothek Gais 3.12.2005

Ständchen für Mary de Rachewiltz zum 80. Geburtstag!

Im Rückblick neigen wir alle dazu, die eigene Kindheit zu verklären und zu vergolden. So schildert auch Mary die Jugend in Gais trotz aller Entbehrungen als ein Stück Leben im Paradies. Ein Kind von Weltbürgern. Der Vater ein international anerkannter Dichter, einer der Großen der amerikanischen Lyrik der Neuzeit, die Mutter eine renommierte und allseits umjubelte Violinistin. Und in dieser Polarität nimmt ihr Leben Gestalt an, entwickelt sie sich zur Wandrerin zwischen den Welten: der bäuerlichen in Gais einerseits und der Welt der Kunst, Musik und Dichtung andererseits. Sie verbindet und integriert die Werte des einfachen Lebens auf dem Lande mit jenen einer städtischen Kultur und ahnt früh, dass sich ihr Horizont weit über Gais hinaus weiten wird. Im Vorwort zu ihrer Biografie schreibt sie ja auch, dass das Überqueren des Äquators ihrem Leben dann definitiv neue Horizonte eröffnet, ihrem Blick auf die wesentlichen Dinge dieser Welt neue Dimensionen verliehen hat.
Beim Sama findet sie die Heimat, die Menschen brauchen, um erwachsen zu werden, um stark genug zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen. Streng der Tradition verhaftet, geprägt durch einen tiefen Glauben, und getragen vom stillen Glück der einfachen Leute. Und zwischendurch der Besuch ihres Engels aus einer anderen Welt. Wenn der Vater mit seinem schwarzen Wagen nach Gais kommt, das erste Auto überhaupt in Gais, läuft das halbe Dorf zusammen und will den Amerikaner sehen, vor allem aber das technische Wunderding. Nur die Pusterer – Tracht mit Federschmuck ist gut genug an solchen Festtagen. Und während er nicht ungern in der Künstlerwerkstatt der Gebrüder Bacher zu einem Gespräch unter Gleichgesinnten einkehrt, zieht es Mary an die Ahr zum Träumen:

ahr

auf deiner
silberhaut
tanzen
die sterne…

die jugend
jauchzt
und hüpft
leichten herzens
ins leben.

in deinem
rauschen
schwingt
die last
versunkner
tage
und freud und leid
atmen grenzenlos.

die armut
macht gläubig
und
spärlich wächst
das gras
und wird
zur dürre dir.

doch du
lernst auch
die wüste
 lieben.

schönheit
ist kein
wort
des überflusses

ganz arm
zumeist

erkämpft

erlitten

erduldet

und bis
ins mark
der knochen
eingeschnitten.

groß wird
der tag sein
wenn sie
dich küsst.

für diesen einen
augenblick
hast du
gelebt
und lächelst
weise
bis dass
der kreis
ganz neu
beginnt
zu kreisen.

Die Liebe zum Vater hat sie in die Welt hinaus gerufen, in den kulturellen Olymp, bis dass der Krieg dem Glück ein jähes Ende bereitet. Jahre der Verunsicherung und es Leids – die alte Ordnung gerät ins Wanken. Und das Dunkel bricht mit Macht in ihr Leben. Ihr Vater wird wegen Hochverrats verhaftet und wie ein Gefangener gehalten. Jetzt zeigt sich, was seine Schule an Samen gesät, was sie gepflanzt hat: Glaube an das Gute im Menschen, Sinn für das Praktische, die Beharrlichkeit und Zuversicht in die eigenen Kräfte. Ein großes Lebenswerk und ein leuchtendes Vorbild.

„Was du innig liebst, ist dein wahres Erbe.
Was du innig liebst wird dir nicht weggerafft (…)

Lass ab von Eitelkeit, sag ich, lass ab.
Lerne von grüner Welt erkennen, wo dein wahres Maß
An Erfindungsgabe oder rechtem Können,
Lass ab von Eitelkeit,
Der grüne Grashalm hat dich ausgestochen. (…)

Mit Anstand an die Tür gepocht zu haben
Dass ein Blunt sich öffne
Zu lesen aus der Luft lebendige Überliefrung
Und aus dem Greisenaug die unbesiegte Flamme
Das ist nicht Eitelkeit.
            Der Fehler liegt i
m Nicht – tun
Und in dem Kleinmut, der nichts wagte…"

Ezra Pound, Auszug aus Canto LXXXI

Im Kampf um seine Rehabilitierung wird sie zur Botschafterin für die Verständigung der Völker und Nationen, die stets dem Prinzip Hoffnung und der Menschlichkeit verpflichtet ist.

Die Jahre gehen dahin, und obwohl sie persönlich äußerlich und innerlich jung geblieben ist, haben sie Spuren hinterlassen. Geistige Spuren. Spuren der Menschlichkeit. Und gerade weil wir überzeugt sind, dass diese Spuren für die Nachwelt erhellt und erhalten werden sollen, haben wir ihi im Kultur.Weg.Gais ein Denkmal gesetzt.

Duregger Josef


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