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Themenweg KUNST



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Im Dorf Gais bei Bruneck steigt orographisch rechts der Ahr über die Bachscheide ein bequemer Weg zum Schloss Neuhaus (mit schöner Burgschenke) und verläuft dann wieder zurück zum barocken Pflegerhaus und beim Hotel Burgfrieden vorbei. Ein Rundweg, der zum Verweilen und Meditieren einlädt. Denn entlang des Weges haben Künstlerinnen Werke installiert, mit denen sie die großen Persönlichkeiten würdigen, die ehemals in Gais gelebt und gewirkt haben. Es sind dies: der Minnesänger Oswald von Wolkenstein, der amerikanische Dichter Ezra Pound, seine Tochter Mary de Rachewiltz sowie die Bildhauer Bacher. Gais würdigt mit diesem Kulturweg das Andenken an diese bekannten Literaten und Künstler und lädt Einheimische und Gäste gleichermaßen ein, sich mit deren Werken auseinanderzusetzen. Ihre Kunst und Dichtung ist ein beredtes Zeugnis unserer Geschichte, unserer Kultur und Identität. Da erleben wir einen streitbaren Minnesänger, der sich auf Neuhaus zurückziehen muss, um seinen Verfolgern zu entgehen, allen voran dem Landesfürsten. Und obwohl ihm die Zeit in Gais, in der Abgeschiedenheit, zur Belastung wird, gelingen ihm gerade hier Gedichte von einmaliger Schönheit. Wer kennt nicht das Liebeslied vom Beerenmädchen auf Lahnebach, dem Oswald auf seinen Jagdausflügen begegnet und das ihm vermutlich seine Augen verdreht hat? Der folgende Auszug ist in der Fassung von Gerhard Ruiss wiedergegeben.

(…) “Ihr Kirschenmund das Paradies,
der lachen kann, ganz zuckersüß,
klein ihre Füß`, die Beine weiß,
die Brüste fest, doch im Rest
war sie leider etwas berglerisch.

Der Amselfang ist meine Sach,
und manche Drossel, auserwählt,
zuoberst am Lawinenbach,
die hat mein Fallenholz gefällt.“ (…)


In neuerer Zeit, in der Zeit zwischen den beiden Kriegen, wächst auf dem Samerhof in Gais Mary de Rachewiltz, die Tochter des amerikanischen Dichters Ezra Pound und der Violinistin Olga Rudge auf. Ihr Vater kommt öfters auf Besuch nach Gais und nutzt die Gelegenheit, in der Künstlerwerkstatt der Bacher einzukehren. Heinrich Bacher kennt, wie sein Bruder Franz, auf Grund seiner Ausbildung in München die europäischen Kunstströmungen der damaligen Zeit und so ergeben sich wie von selbst lange Gespräche unter Gleichgesinnten. Auch die heraufziehende neue Gesellschaftsordnung, das Erstarken des Faschismus und Nationalsozialismus, die Wirtschaftskrise mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit und einer akuter werdenden sozialen Problematik sind Themen, über die sie sich austauschen und in Bezug auf wohl einige Aspekte Übereinstimmung und auch Zustimmung feststellen. Noch hatten ja beide politischen Systeme nicht ihre wahre Fratze gezeigt, noch konnte man nicht ahnen, dass sie die Auslöschung des freien menschlichen Geistes zu ihrem Programm erklärten und dass gerade die Künste die ersten Opfer zu bringen ausersehen waren. Und dennoch entstehen in dieser Dialektik und Widersprüchlichkeit Kunstwerke von überregionaler Bedeutung. Die Plastiken aus Holz eines Heinrich und eines Franz Bacher bringen bereits diesen neuen Zeitgeist zum Ausdruck und können als Vorboten der Moderne gelesen werden. In der Synthese zwischen einem formalen Minimalismus und der Bewegung als Gestaltungsprinzip entstehen sowohl im sakralen als auch im profanen Bereich Kunstwerke von einer besonderen Aussagekraft. Franz Bacher wird es später auf den Punkt bringen, indem er sagt: „Das Leben hat mich die Einfachheit gelehrt.“
Auch die Mutter Ezra Pounds verbringt ihr letztes Lebensjahr auf Neuhaus und wird 1948 in Gais begraben. Und so gibt es wenige Burgen im Alpenraum, wo sich Kunst und Literatur in dieser Fülle begegnen und sich gegenseitig befruchten.  
Auf dem höchsten Punkt des Weges, im Aussichtspavillon neben dem Schloss, finden die Gäste und Besucher eine Bücherbox mit Werken der geehrten Dichter und Künstler. Neben dem Hauptwerk Ezra Pounds, den Cantos, liegen dort die Gedichte Oswalds, die Memoiren von Mary de Rachewiltz sowie die Biographien der Bildhauer Bacher Heinrich und Bacher Franz auf.
„Lesen, indes der weiße Flügelschlag der Zeit uns streift, ist das nicht Seligkeit?“ (Ezra Pound)
Und als ob das noch nicht genügte, präsentiert sich der Weg für die aufmerksamen Beobachter zudem wie ein Naturschauspiel von ungeahnter Harmonie, eine Bereicherung der Seele, ein stilles Glück in einer zunehmend lauten Welt. Da tut sich nämlich an mehreren Stellen ganz unerwartet der Blick auf das Dorfzentrum mit der romanischen Kirche, auf den Schuttkegel des Bärentales und auf die gegenüberliegende Kehlburg auf.
So gestaltet sich der Kulturweg.Gais insgesamt als Reise in die Vergangenheit zwar, aber auch als Reise in die eigene Seele, gelenkt durch die Installationen der Künstlerinnen. Sie öffnen die Augen in ganz besonderer Weise immer wieder neu, weil sie den Mut haben, zwischen den Zeilen zu lesen, an Tabus zu kratzen und ganz selbstverständlich Grenzen zu überschreiten. Damit eröffnen sie neue Spielräume für eine kulturelle Begegnung über alle Weltanschauungen hinweg, und die haben wir in der heutigen Zeit nötiger denn je.